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21. August 2008 4 21 /08 /August /2008 16:49

Vor ein paar Jahren begann die Kundenkarten-Schwemme, die leider immer noch nicht abgeflaut ist. Jedes Unternehmen, das mindestens zwei Mitarbeiter beschäftigte, fühlte sich bemüßigt, seiner Kundschaft mit der Brechstange sinnlose „Kundenkarten“ aufzuschwatzen, die sie zu „exklusiven“ Mitgliedern machte, die besondere Vorteile genießen sollten.
Logisch: Nachdem irgendein Mitbewerber angefangen hatte, sich von Marketingexperten diesen Müll andrehen zu lassen, mussten die anderen nachziehen.
Seither stapeln sich an Kassen bunte Folder und gelangweilte Verkäufer sagen stets den gleichen Satz: „Haben Sie eine Kundenkarte?“
Manchmal folgt diesem Satz auch ein: „Sammeln Sie Bonuspunkte?“

Zugegeben: Das Konzept ist reizvoll. Kunden geben ihre Daten bekannt, erhalten irgendein beschissenes Plastikgeschenk im Wert von 2 Cent, und wenn sie fleißig Bonuspunkte sammeln, dürfen sie völlig überteuerten Kram kaufen.

Und jetzt die große Preisfrage: Zücken alle Leute ganz nervös an den Kassen ihre Kundenkarten? Oder feilschen um den einen oder anderen Bonuspunkt, damit sie endlich die nötigen 10.000 Punkte gesammelt haben, für die sie eine kotzgrüne Kaffeetaste um zwei Euro billiger bekommen?
Überraschende Antwort: Nein, tun sie nicht.
Wenn unsere wirtschaftstreibenden Freunde nämlich nur einen Moment lang diesen Marketing-Quatsch überdacht und aus dem Blickwinkel eines Kunden betrachtet hätten, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, weshalb.
Vielleicht deshalb, weil wir undankbaren Kunden täglich genug Werbeprospekte oder Werbe-SMS erhalten? Es könnte natürlich auch daran liegen, dass die durchschnittliche Geldbörse keine zweihundert Magnetkarten aufnehmen kann.
Und wie wäre es damit: Wenn ihr, liebe Wirtschaftstreibende, uns Kunden echte Vorteile gewähren würdet, wären wir vielleicht etwas begeisterter bei der Sache, etwa, indem ich einen großzügigen Rabatt erhielte?

Ich besitze übrigens die Kundenkarte einer großen österreichischen Einzelhandelskette. Diese lockte mit bis zu fünf Prozent Rabatt. Keine schlechte Sache, bis ich zu Hause den Werbefolder las.
Diese fünf Prozent Rabatt erhält man, wenn man innerhalb eines Jahres Einkäufe in einer bestimmten Höhe tätigt.
Welche Höhe? 50 Euro? 100 Euro?
Nö – lediglich 2.500 Euro. Eine lächerliche Summe, oder? Man kauft ja am Wochenende gerne mal zwei Dutzend Bücher, fünf CDs und drei DVD-Boxen. Da kommt man locker auf die erforderliche Summe.

Ach ja: Die „Kundenkarte“ liegt unbenutzt in einem Kasten. Man möge sie als Erinnerung mit in mein Grab legen: „Er war kein großer Mann, hinterlässt nichts von Wert und hatte eine schreckliche Frisur. Aber er hatte immerhin eine Kundenkarte.“

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Published by Rainer - in Alltag
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  • : Lexikon der bösen Gedanken
  • Lexikon der bösen Gedanken
  • : In den letzten Jahren prasselten jede Menge Lexika auf uns ein. Manche mit ernstem Hintergrund (Gelderwerb der Autoren), andere sehr launig und nicht ganz ernst gemeint. Ausgerechnet das wichtigste Lexikon wurde uns bislang vorenthalten, nämlich jenes der bösen Gedanken, die wir nicht auszusprechen wagen. Dabei benötigten wir gerade ein solches Buch dringend, sehen wir uns doch täglich mit Situationen konfrontiert, die uns Contenance abverlangen, obwohl wir unseren Ärger nur zu gerne hinausschr
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